Was heißt eigentlich „normal“?

Gerade als Mutter stolper ich oft über das Wort normal. In Foren fragen viele Schwangere und Eltern, ob „das so normal ist“. Oft werde ich auch gefragt, ob das denn noch normal wäre. Und irgendwie wird alles hinterfragt. Die Schlafdauer und -häufigkeit, die Krankheitshäufung, das Nähebedürfnis, die Lautstärke, die Heftigkeit der Wutausbrüche meiner Tochter usw. Irgendwie wird alles hinterfragt. Und das leider meist von außen. Oftmals ja schon als Wertung, also mit der Meinung, dass das jetzt nicht mehr normal ist.

Und ich muss sagen, es stört mich. Denn es gibt ja keine Definition, was man als normal anzusehen hat. Aber das Urteil, dass etwas nicht normal ist, das wird schnell gefällt. Deswegen frage ich mich, ob man sich oder andere überhaupt danach fragen sollte.

Schon als Kind machte ich damit Bekanntschaft. Meine Eltern haben sich nach ihrer Trennung für ein gemeinsames Sorgerecht entschieden und auch dafür, dass ich bei Beiden gleich viel Zeit verbringe. Ich war also eine Pendlerin zwischen den Wohnungen meiner Eltern. Dementsprechend hatte ich auch zwei Adressen. Und sofort muckte meine Klassenlehrerin auf, dass das so nicht ok wäre und ich mich bitte schön zu entscheiden hätte. Später beschwerten sich auch Mitschüler – zwar im Halbernst – darüber, dass ich auf der Klassenliste immer zwei Zeilen brauchte für meine Adressen. Aber schon damals bekam ich das Etikett verpasst, dass etwas bei mir unnormal sei.

Deswegen stoße ich mich auch so sehr an diesem Wort. Denn wer legt denn fest, was normal ist? Das Bundesamt für Statistik? Legen wir das per Volksabstimmung fest? Oder erhebt die forsa da irgendwelche Umfragen? Oder wird das von der Gesellschaft festgelegt? Oder, Gott bewahre, von den Medien? Wenn wir also gar nicht wissen, was denn jetzt genau im Rahmen des Normalen liegt, liegen wir dann nicht in den meisten Fällen außerhalb?

Und damit ist das Normale fast genauso unerreichbar wie das Perfekte. Natürlich bedeuten beide Worte nicht das Gleiche. Den Meisten ist bewusst, dass Perfektion nicht zu erreichen ist, nicht auf Dauer und nicht in allen Bereichen des Lebens. Aber das Normale? Das scheint doch nix Besonderes zu sein, nichts nach das man strebt. Normal ist doch jeder, die Mehrheit der Leute, oder nicht? Doch was macht das mit einem, wenn einem immer suggeriert wird, dass man sich häufig außerhalb der Norm bewegt? Ist man dann unnormal? Ist man dadurch ein nicht so guter Mensch, ein schlechter Mensch?

Es gibt bestimmt viele Menschen, die sich davon nicht beeindrucken lassen, die sich dessen nicht bewusst sind oder sich darüber keine Gedanken machen.

Doch was ist mit denen, die da – vielleicht auch nur momentan – etwas empfindlicher sind? Mit Kindern oder Jugendlichen, die noch lernen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, die dabei sind, sich selbst zu finden? Oder auch mit werdenden/frischgebackenen Eltern, die sich in einer neuen, unbekannten Situation befinden und Angst davor haben Fehler zu machen? Was ist mit den Menschen mit schlechtem Selbstbewusstsein? Was macht das mit Ihnen?

Es kommt bestimmt drauf an, wie oft man das hört, von wem und in welchem Kontext. Die Auswirkungen können nur minmal sein oder auch große Wellen schlagen. Ich für mich werde mich auf die Suche machen nach Synonymen. Und normal für mich zum Unwort erklären.

More is yet to come,

M.

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3 Gedanken zu „Was heißt eigentlich „normal“?“

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