When reality hits

Gestern war es soweit. Die Realität hat sich langsam von hinten an mich herangeschlichen und mich hinterrücks in den Hintern gebissen. Ausgelöst wurde es von zweierlei Dingen. Zum einem dank des Demonstrations-Chaos hier in Hannover, zum anderen durch diesen Artikel in der Süddeutschen. Es geht um Rassismus. Etwas, mit dem ich noch nicht weiß, wie ich ihm begegnen soll, wenn meine Tochter das Ziel ist.

Schon vorher habe ich mich gedanklich mit dem Thema beschäftigt auch hier auf meinem Blog (siehe auch hier). Aber es alles noch ein wenig vor mich hergeschoben, da ich mich nicht damit konfrontiert sah. Noch nicht. Doch leider ist das nicht so einfach mit den schwierigen Themen. Denn sie verschwinden nicht aus deinem Leben, nur weil du sie bewusst ausblendest. Sie sind da – und warten. Und springen einen dann irgendwann an. Mein Irgendwann war wie gesagt gestern.

In dem Artikel beschreibt ein deutscher, schwarzer Mann, welche Erfahrungen er mit Rassismus gemacht hat und noch immer macht. Dass es auch immer wieder kleine Dinge gibt, die ihm im Alltag aufstoßen. Dass sich niemand neben ihn setzt in der Bahn, auch wenn es brechend voll ist. Dass andere ihm vor die Füße spucken oder ihn absichtlich anrempeln. Und dass sich niemand für ihn stark macht. Alle schauen weg, alle billigen das rüde Verhalten ihm gegenüber.

Wenn ich solche Beschreibungen lese, wird mir meist übel. Das es das so gibt, bei uns. Und ich fühle mit. Ich kenne das nicht, ich sehe aus, wie die große Masse. Ich musste die Erfahrung nicht machen, aufgrund meiner Erscheinung, meiner Herkunft, meiner genetischen Abstammung mich von Anderen so degradieren lassen zu müssen.

Der zweite Aspekt ist natürlich der, dass diese Erfahrungen wahrscheinlich auch meine Tochter machen wird. Das schnürt mir die Kehle zu. Zu wissen, dass da einige unangenehme Dinge auf sie warten werden und ich werde sie nicht davor beschützen können. Gerne würde ich das Gegenteil glauben, aber das wäre glaube ich realitätsfern.

Ich kann ihr auch nicht aus meinem Erfahrungsschatz heraus helfen können, denn mir fehlen die Erfahrungen dazu. Auch wenn ich sie bestärken werde, dass sie gut so ist, wie sie ist, dass es nicht auf ihre Hautfarbe drauf ankommt und sie sehr viel mehr zu bieten hat als diese – im Endeffekt wird sie herausfinden müssen, wie sie damit umgeht. Das macht mich wütend, traurig, betroffen und manchmal einfach nur müde…

Da hilft es mir auch nicht, wenn man mich darauf hinweist, dass dieser Erfahrungsbericht aus dem Osten kommt. „Da“ gibt es ja viel mehr Probleme mit Rassismus. Hannover ist doch gemäßigt. ABER NICHT KOMPLETT FREI DAVON!! Auch, dass der Mann, dem es widerfährt, 30 Jahre älter ist als meine Tochter, beruhigt mich kein Stück. Denn er schreibt ja nicht nur über weit vergangene Ereignisse, sondern die alltäglichen.

Wie gesagt, mein Ex, der Vater der kleinen Maus, wurde schon mit Dosen und Flaschen aus dem Auto heraus beworfen. Zwar wahrscheinlich von Dresden-Fußballhooligans, aber ganz sicher kann man sich da auch nicht sein. Und trotzdem habe ich meinen Ex am Wochenende vorgewarnt. Dass dort eine Demo ist in der Stadt. Er aufpassen solle, denn auch wenn es „eigentlich“ um Salafismus gehen sollte, ging es doch vielmehr um „braunes Gedankengut“. Und er hätte gut Opfer werden können einiger aufgeputschter, rechter Schlägertypen. Solange ich das Gefühl habe, ihn warnen zu müssen, solange sehe ich auch unsere Tochter in der Schusslinie.

Natürlich bin ich mir bewusst, dass dieser extreme Rassismus ihr nicht so häufig begegnen wird. Aber der alltägliche. Und selbst in einer gemäßigten Stadt, in einem Multikulti-Stadtteil durfte ich schon hören: „Wie kann man sich sowas nur anschaffen?!“ Das sowas bezog sich auf meine Tochter. Geäußert von einer älteren Dame im Supermarkt im Vorbeigehen. Ich hätte sie fast mit dem Einkaufswagen über den Haufen gefahren. Habe mich aber gerade noch beherrschen können.

Momentan fühle ich mich so hilflos. Ich weiß, dass ich diese Erfahrungen nicht von meiner Tochter fernhalten werden kann. Nur akzeptieren kann ich das nicht. Also heule ich heute ein wenig vor mich hin und versuche mich zu wappnen. Mehr bleibt mir nicht übrig.

More is yet to come,

M.

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