Angriff auf die Mama-Bubble

Normalerweise konzentriert sich mein Blog auf die Erlebnisse, Gedanken und Merkwürdigkeiten rund um die Thematik Kind(er) haben, Mutter sein. Es ist bequem, sich eine kleine Blase zu schaffen, in dem es nur darum geht. Man sich und sein Kind ausgiebigst betrachtet und reflektiert und alles andere ausblendet. Nun existiert außerhalb dieser Blase ja auch noch eine Welt. Eine Welt, die Einfluss hat auf mich, mein Kind und unsere/seine Zukunft. Und so einfach es ist, sich nur auf das Naheliegendste zu konzentrieren, mag ich bei den momentanen Ereignissen nicht still sein.

Denn ich bin ja nicht nur Mutter, sondern auch Frau, Mensch, Freundin, Bürgerin. Und Bloggerin. Auch wenn ich, was Follower und Traffic angeht auf der untersten ersten Stufe stehe, so nutze ich meine Rede- und auch Meinungsfreiheit. Ich verlasse mich darauf, dass es mein Recht ist, meine Gedanken und Meinungen öffentlich zu teilen. Natürlich bin ich mir der Möglichkeit bewusst, dass andere anders denken und ich eventuell auch Ziel von Kritik und Anfeindungen werden könnte. Aber mein Leben damit zu riskieren? Davon gehe ich nicht aus.

Es dürfte an niemandem vorbeigegangen sein, was die letzten Tage in Paris geschehen ist: Das Attentat/der Terrorakt auf die Redaktion von Charlie Hebdo. Zuallerest ein unfassbare Tragödie, denn es sind Menschen verletzt worden und sogar getötet. Eine Tragödie für Familie, Freunde und Kollegen, die mit dem Verlust und dem Trauma zurecht kommen und leben müssen. Ich kann nur entfernt nachempfinden, wie es ihnen gehen muss. Nur eins: es muss furchtbar sein.

Doch neben der menschlichen, der persönlichen Tragödie hat ein weiteres Unheil stattgefunden: ein Angriff auf die Redefreiheit. Die wir als Blogger und auch schlicht als Bürger als selbstverständlich ansehen. Es ist ein Grundrecht bei uns „in der westlichen Zivilisation“. Der Schock sitzt tief. Wie kann es sein, dass man sein Leben riskiert, nur indem man seine Meinung äußert? Und auch die Wut, die Fassungslosigkeit, dass tatsächlich jemand bereit war, deswegen Menschen zu töten? Zwar weiß man bzw kann man sich denken, was die Täter dazu gebracht hat, aber verstehen, nachvollziehen kann ich es nicht.

Hinzu kommt auch, dass dieser Anschlag ein Angriff des islamistischen Extremismus auf unsere christliche, westliche Welt ist. Und das ist es, was in der Folge noch weitreichende Folgen haben kann/wird. Was mir Sorgen macht.

Denn es ist noch nicht abzusehen, ob es nur der Auftakt war zu einer Serie terroristischer Anschläge. Oder, ob es Nachahmer geben wird. Oder, ob es zu Gegenschlägen kommt. Denn eines wissen wir nach 9/11 ganz bestimmt: wenn man angegriffen wird, möchte man sich verteidigen, zurückschlagen oder sich schlicht rächen. Beim Terrorismus allgemein ist dies sehr schwierig. Denn man organisiert sich im Verborgenen, lebt ein Doppelleben und hat ein Netz von Schläfern. Also niemand direkt Greifbares verfügbar. Doch die Wut, die Unverständnis, der Unglauben, die Fassungslosigkeit, all das möchte sich gegen jemanden oder etwas richten. Doch die Attentäter sind tot. Man kann sich an ihnen nicht mehr abreagieren.

Was sich jetzt schon abzeichnet, ist, dass die ganzen aufkommenden Gefühle( die ja auch eine Berechtigung haben!) jetzt gegen den Islam im Allgemeinen gerichtet werden. Nur leider hat der damit wenig zu tun! Extremismus, Fundamentalismus und Terroristen gibt es ja nicht nur im Islam, sind dort auch nur die Ausnahme. Beispiele? RAF, IRA. Hat jetzt nicht unbedingt was mit Islam zu tun, gell? Terrorismus ist nicht auf Glaubensrichtungen beschränkt. Und ich finde es falsch, dass es bestimmte Strömungen gibt, die versuchen bzw versuchen werden Moslems unter Generalverdacht zu stellen. Dass es bald reicht, arabisch, türkisch oder persisch auszusehen, um potentiell gefährlich zu sein. Und ja, der Geiselnehmer aus dem jüdischen Supermarkt war doch schwarz? Dann werden jetzt auch alle Schwarzen mit auf die Liste gesetzt.

NEIN! NEIN! NEIN!

Und das ist der Punkt, an dem meine Mama-Bubble platzt. Seit Jahren beobachte ich wie „Nationalstolz“ und „Vaterlandstreu“ wieder salonfähiger werden. Wo es wieder akzeptabler wird gegen „Ausländer“ zu wettern. Die NPD und ähnliche Strömungen wieder mehr Zulauf bekommen. Und seit neustem gibt es #Pegida. Und ehrlich gesagt, wird mir dabei ganz flau im Bauch. Auch wenn vielleicht der größere Teil aus Angst und Unsicherheit auf die Straße geht, weil der meiste Terror, den man bewusst über die Medien wahrnimmt von radikalen, islamistischen Strömen ausgeht. Aber ein bestimmter Anteil der Pegida-Bewegung ist wirklich fremdenfeindlich. Und dieser Anteil wird sein möglichstes versuchen, die Ängste und Unsicherheiten für sich zu nutzen und ihr rassistisches, fremdenfeindliches Gut in den Köpfen der Mit-Demonstranten zu verankern.

Ich lebe in einem Multi-Kulti-Stadtteil. Wir sind hier ein bunt gemischter Haufen. Das einzige, was mich interessiert, ist ob mir mein Gegenüber sympathisch ist, mit mir auf einer Wellenlänge ist. Da ist das Aussehen herzlich egal. Ich muss da nicht nachhaken, wo wer jetzt herkommt, wie lange her, wann die Eltern und überhaupt… BLA. Vielleicht ergibt sich was im Gespräch. Oder auch nicht. Sympathie, Freundlichkeit, das ist es was mir wichtig ist. Klar könnte ich hier große Reden schwingen. Über die Präsenz unterschiedlicher Kulturen und Nationalitäten in meinen Schulklassen. Darüber, dass ich als Kind schon viel Kontakt zu verschiedensten Nationalitäten hatte. Aber ich finde nicht, dass ich das betonen brauche. Ich bin damit aufgewachsen, ich habe es nie in Frage gestellt, warum jemand nicht so aussieht wie ich. War so.

Und deswegen war auch nicht die Hautfarbe entscheidend, mit wem ich ausgehe. So kommt es, dass meine Tochter jetzt eine deutsch-nigerianische Co-Produktion ist. Um deren Zukunft ich mir jetzt Sorgen machen. Denn ich sehe die Tendenzen in Deutschland, ich erlebe den latenten „nicht bösgemeinten“ Rassismus. Auch in unseren Nachbarländer werden seit Jahren die rechten Strömungen immer stärker. Es macht mir Angst. Nicht nur, dass wir als „westliche Gesellschaft“ potenziell ein Ziel sind für Terroranschläge, sondern auch, dass dadurch Strömungen bestärkt werden, von denen wir eigentlich wissen sollten, dass sie zu keinem guten Ende führen.

Ich hätte so gerne einen Blogbeitrag geschrieben, der ausschließlich den Opfern und Angehörigen gewidmet ist, die von dem Anschlag betroffen sind. Voller Mitgefühl, Bedauern und Anteilnahme. Doch die Wellen reichen weit.

More is yet to come,

M.

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