Confessions of a troubled mind

In der Blogosphäre gibt es ja zichtrillarden verschieden Eltern-, Mama- und Papablogs. Manche nutzen ihren Blog, um ihren Alltag zu teilen, anderen Mut zu machen oder einfach Teil einer medialen Community zu sein. Ein Teil davon, wahrscheinlich sogar ein Großteil, hat trotzdem eine bestimmte Richtung, in die alles strebt. Ob nun Vereinbarkeit generell oder als Alleinerziehende/r. Mit Zwillingen, vielen Kindern. Mit feministischen Hintergrund. Viele haben ein persönliches Steckenpferd, das zwar nicht konkret im Vordergrund steht, aber doch zwischen den Zeilen zumindest zu erahnen ist.

Als ich mich anfangs damit beschäftigt habe, auch einen Blog ins Leben zu rufen, fragte ich mich selber, in welche Richtung es gehen sollte. Reines Tagebuchbloggen schien mir nicht so meins zu sein. Schnell war mir klar: ich will mehr Toleranz. Unter Müttern, Vätern, Eltern. Unter Menschen. In Foren und auf Facebook bin ich so verbohrten und intoleranten Menschen begegnet, die für nichts und niemand Verständnis zeigen wollten oder konnten. Aber zum Diskutieren, zum Heranführen an andere Sichtweisen sind das definitiv die falschen Plattformen.

Es geht mir auch um mehr Toleranz für Mütter oder allgemein Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie ich: mit Macke. Damit meine ich nicht, dass ich an irgendeinem ulkigen Spleen leide, sondern dass ich gepflegt einen an der Waffel habe – dezent. 😉 Ich hatte es schon zu Anfang einmal angedeutet in meinem Beitrag wie ich zu meinem Blognamen kam.

Damals habe ich es noch relativ vage gehalten mit den Details und mit dem Ausmaß. Dies werde ich jetzt ändern.


Triggerwarnung: wer nichts über selbstverletzendes Verhalten oder Suizidgedanken lesen will, der wende sich jetzt bitte einem anderen Beitrag zu.

 


Meine Eltern haben sich getrennt, als ich noch recht klein war. Sie vereinbarten für mich und auch auf Anraten einer Elternberatung das Wechselwohnmodell. Eine Woche Mama, eine Woche Papa – immer schön im Wechsel. Die Wohnungen waren nicht weit voneinander entfernt, Kita-, Hort- und Schulwahl dadurch völlig unproblematisch. Logistisch lief es recht gut.

Trotzdem glaube ich, dass ich damals schon nen leichten Hau weghatte. Nicht wegen der Trennung meiner Eltern. Ich glaube nach wie vor, dass das die beste Entscheidung für alle gewesen ist. Aber irgendwann vergleicht man sich mit anderen. Bekommt unterschwellige Ablehnung aufgrund des Modells mit. Oder offen von der Klassenlehrerin wie bei mir in der 4. Klasse.

Ich arrangierte mich nach außen hin sehr gut. Innerlich? Weiß ich derzeit gar nicht so genau. Aber ich war die meiste Zeit glücklich, ausgelassen. Mit vierzehn trafen mich dann mehrere Schläge gleichzeitig. Familiär und auch im Freundeskreis. Zu viel, um damit klar zu kommen als Pubertierende. Und zu dem Zeitpunkt gab es auch niemanden, der mir Halt bieten konnte. Rückblickend gesehen verfiel ich damals in meine erste Depression. Oftmals verkannt als „ach, die ist nur traurig oder halt ein wenig empfindlich im Moment“. Doch die Phase verging nicht. Ich weinte viel. Wenn ich nicht weinte, wünschte ich mir, ich könnte es. So viele Gefühle und trotzdem fühlte ich mich leer. Ich hatte Suizidgedanken, war aber nie richtig Suizidgefährdet.

Ich begann mich zu schneiden, den Druck aus mir fließen zu lassen. Und gottseidank wurde ich entdeckt dabei. Sehr schnell und relativ komplikationslos bekam ich einen Therapieplatz. Zwei Jahre ging ich jede Woche zur Gesprächstherapie. Es half mir, wieder auf die Beine zu kommen. In der Zeit traf ich einige einschneidende Entscheidungen. Zog zu meinem Vater, löste mich von meiner Mutter. Die folgendenen Jahre waren ein Auf und Ab.

Mit einem Schlag war ich erwachsen. Und dabei erst fünfzehn. Ich hatte Abgründe gesehen, die manche in ihrem Leben nicht erleben müssen. Zu Gleichaltrigen fand ich keinen Zugang. Dieses unbeschwerte Leben, das sich nur um Äußerlichkeiten drehte, zu diesem hatte ich keinen Zugang mehr. Sozial gesehen war ich in der Schule eine Außenseiterin. Trotzdem wurde ich in der Schule nicht schlechter. Ohne Probleme machte ich mein Abi. Fing danach an zu studieren – und scheiterte.

Fing an zu Jobben, zog zu Hause aus, verbesserte meine Beziehung zu meiner Mutter. Fing an zu feiern und fing auch an zu LEBEN. Nicht immer nur verantwortungsbewusst. Mich mal ausprobieren, mal die Kontrolle zurückstellen. Um dann auch dieser Phase den Rücken zu kehren. Und eine Ausbildung zu machen. Diesmal zu Ende und mit Auszeichnung.

Allerdings wurde ich hier wieder von meiner Vergangenheit eingeholt. Überfallartig bekam ich wieder Depressionen, verbunden mit Zwangsvorstellungen und einer Angststörung. Trotzdem schaffte ich die Ausbildung. Dank meines Berufschullehrers und der Sozialarbeiterin an der BBS. Und auch dank der Hilfe meiner Mutter.

Mit einem Fristvertrag in der Tasche wurde ich dann ungeplant schwanger. Vieles wurde noch komplizierter als schon zuvor, neue Grabenkämpfe taten sich auf. Manch einer mag es verwerflich finden, dass ich psychisch labil wie ich bin, mich entschlossen habe dieses Kind zu bekommen. Doch alles andere hätte mich zerstört. Also stellte ich mich der Herausforderung, vielleicht ein wenig naiv.

Die Zeit nach der Entbindung war nicht schön. Neue Rolle, viel Verantwortung und noch mehr Ansprüche an mich. Dazu eine instabile Beziehung mit sehr entgegengesetzten Charakteren und auch Rollenmodellen. Manchmal war ich kurz davor mich einweisen zu lassen. So fertig war ich. Aber dann hätte ich meine wunderbare Tochter nicht bei mir haben können. Also halte ich bis heute durch.

Inzwischen bin ich alleinerziehend, aber in gutem Kontakt zu meinem Ex. So belastbar wie andere Mütter bin ich nicht. Gefühlt habe ich nur ein Teil der Energie zur Verfügung wie „normale“ Menschen. Wie man den Haushalt führt und das auch noch effizient (oder sogar nebenbei!!) weiß ich immer noch nicht. Ich bin empfindlich und empfindsam und schnell überfordert. Depressive Phasen kommen und gehen und meine eigenen Grenzen machen sich immer wieder bemerkbar. Noch weiß ich nicht, wie ich meinen Alltag bestreiten soll, wenn ich wieder anfangen sollte zu arbeiten.

Das alles soll aber keine Entschuldigung sein, mich zurück zu lehnen und in der sozialen Hängematte zu „schmarotzen“. Ich möchte eine bessere Mom sein für meine Tochter. Selbstbewusst, fröhlich. In einer aufgeräumt-ordentlichen Wohnung. Eine Working-Mom. Die ihre Vergangenheit verarbeitet hat. Aber auch zu ihren Schwächen steht.

Machen wir uns nichts vor. Wenn man zu Depressionen neigt, diese mehr als nur einmal hat, dann werden diese immer mal wieder zum Leben gehören. Es gibt kein „geheilt“. Ein Alkoholiger bleibt auch dann ein Alkoholiker, wenn er trocken ist. Nur hat er gelernt, seine Sucht zu kontrollieren. Und ich werde lernen, besser auf meine eigenen Grenzen zu achten. Maßnahmen lernen, wie ich es abmildern kann bzw vorbeugen, wenn sich wieder eine depressive Episode anbahnt.

Darum stehe ich auch dazu, wenn ich sage, dass ich jetzt endlich wieder in Therapie bin. Nicht mit Namen und Bild, aber als mamamitmacken stehe ich dazu. Als eine Stimme unter vielen in diesem luftleeren Raum, der sich Internet nennt. Und vielleicht trägt mein kleines Stimmchen dazu bei, dass gerade wir Mütter uns ein wenig mehr Toleranz gönnen. Und irgendwo vielleicht eine Mama denkt: „Dann bin ich nicht die Einzige, der es so geht.“

More is yet to come,

M.

Advertisements

4 Gedanken zu „Confessions of a troubled mind“

  1. Dieser Gedanke kommt bei vielen leider sehr schnell – „Wie kann die nur unter diesen Bedingungen ein Kind bekommen?“ Aber weißt Du was? Selbst die best angesehendsten Eltern mit dem schönsten Lebenslauf können von einem Moment auf den anderen schwer krank werden, die sichere Arbeitsstelle verlieren und und und. Du hast also alles richtig gemacht indem Du auf Dich und Dein Herz gehört hast 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Danke ❤ Zudem sagt das psychische oder emotionale Befinden nichts darüber aus, wie sehr man das eigene Kind liebt. Und ob man "dem armen Kind " damit zu viel zumute? Kommt ja wohl immer auf die Gesamtsituation an.

      Gefällt mir

  2. Also ich lese mich hier gerade so durch Deinen Blog und möchte mal sagen „Hut ab“. Es klingt, als würdest Du trotz Deiner Erkrankungen immer eine gute Lösung für Dich UND für Deine Tochter finden.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke! Ich bemühe mich auf jeden Fall, auch wenn es nicht immer zu meiner Zufriedenheit läuft. Zuspruch von außen tut auf jeden Fall gut. Kritik kommt von mir selbst oft genug. 😉 Viel Spaß beim Stöbern!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s