Tagebuchbloggen: Der Therapeuteneklat

Vorbereitung zum Bloggen - bitter nötig
Vorbereitung zum Bloggen – bitter nötig

Ich hatte schon mehrfach in den letzten Beiträgen angedeutet, dass so einiges vorgefallen ist, was mir momentan das Bloggen schwer macht. Anstatt über das Geschehene und Erlebte zu schreiben, habe ich mir Anregungen von Außen geholt und an Blogparaden teilgenommen. Lange habe ich mit mir gerungen, ob und wie ich darüber schreibe. Ich werde es jetzt tun. Mit einigen Wochen Abstand und auch relativ offen darüber, wie es jetzt bei mir weitergeht.

Vorweg noch schnell eine Triggerwarnung: ich werde über Selbstverletzendes Verhalten schreiben, sowie über Depressionen und Burn-out. Also schaut auf euch selber, ob ihr das lesen wollt oder nicht. ❤

Schon in der Pubertät war ich psychisch nicht die stabilste. In einer schweren und belastenden Phase nahm ich therapeutische Hilfe in Anspruch, um mich und meine Gefühle besser spüren zu können und auch auf eine angemessenere Weise damit umgehen zu können (mein Bewältigungsmechanismus bestand damals aus Ritzen). Auch die damit verbundenen Depressionen wurden mittherapiert. Alles rein über Gespräche, komplett ohne Medikation.

Seitdem gibt es immer wieder Phasen, in denen ich depressive Verstimmungen habe. Manchmal stand ich auch kurz davor in alte Muster zu verfallen, weil ich die Kontrolle verlor. Meistens blieb ich stark.

Zum Ende meiner Ausbildung hin befand ich mich in einer Abwärtsspirale. Neben den depressiven Verstimmungen kamen noch Zwangsvorstellungen, Angststörungen und Schlafstörungen hinzu. Die damals chronischen Kopfschmerzen (Trigeminusneuralgie) verbesserten die ganze Sache nicht. Mit Hilfe einer Sozialarbeiterin meiner Berufsschule und meinem Klassenlehrer versuchte ich mich daran, eine Therapeutin zu finden – mit nicht wirklichem Erfolg. Und dann wurde es irgendwie von alleine besser. Ich schaffte meine Ausbildung mit Auszeichnung und bekam einen Folgevertrag beim Ausbilder. Der hatte noch nicht einmal gemerkt, dass mit mir etwas nicht stimmte.

Relativ schnell danach wurde ich schwanger. Sicherlich nicht zum optimalsten Zeitpunkt und auch nicht wirklich geplant, aber ich versuchte optimistisch zu bleiben. Die Schwangerschaftshormone halfen die letzten Reste der vorangegangenen Tiefphase zu überwinden. Trotz allem beschäftigte ich mich mit den möglichen Hilfen für nach der Entbindung. Ich erkundigte mich über Familienhebammen und Familienhilfe allgemein. Behielt all das im Hinterkopf für den Fall, dass meine Befürchtungen wahr wurden und ich das alles nicht auf die Reihe bekomme. Am meisten Angst hatte ich vor einer postpartalen Depressionen. Zumindest die blieb mir erspart.

Es war mir dann aber dann doch schnell zu viel. Die komplizierte Beziehung, das Gerangel mit der Ausländerbehörde, Behörden allgemein. Dazu die Geburtskomplikationen und den damals noch nicht abzusehenden Schaden an dem linken Arm meiner Kleinen. Ich holte mir Hilfe, erst über die Familienhebammen, später über die Familienhilfe.

Bald kristalisierte sich heraus, dass eine begleitende Therapie für mich sehr förderlich sein könnte. Allein die Suche dauerte über ein halbes Jahr. Inzwischen war meine Tochter fast zwei, wir waren umgezogen und ich inzwischen getrennt lebend und alleinerziehend. Ich suchte mir Kinderbetreuung – zum einen zur Entlastung, zum anderen, damit eine Therapie überhaupt für mich zu realisieren war.

Nach 25 Stunden tiefenfundierter Psychotherapie wurde mir dann eröffnet, dass meine Probleme tiefer lägen und das nur in einer Psychoanalyse angegangen werden könnte. Also alles wieder auf Anfang und wieder von neuem anfangen zu suchen. Später erfuhr ich, dass man das sehr wohl auch in der Therapieform hätte machen können. Das war wohl meiner ehemaligen Therapeutin zu aufwändig gewesen.

Es verging wieder fast ein halbes Jahr bis ich überhaupt auch nur die Chance auf ein Vorgespräch hatte. Die neue Therapeutin nahm sich 5 Stunden (das Maximum) Vorgespräch Zeit, um eine gründliche Anamnese machen zu können. Sie war zwar recht reserviert, aber sie hörte gut zu. Und war auch anfangs voll des Lobes, ob meiner sprachlichen Reflektionsmöglichkeiten. Darüber hinaus war sie sich völlig darüber im Klaren, dass ich alleinerziehend war mit Kleinkind und es auch anderweitig nicht gerade leicht für mich war.

Im Januar hatten wir dann endlich das Go von der Krankenkasse und es konnte endlich losgehen. Bis zu dem Zeitpunkt war diese Therapeutin die einzige, die überhaupt einen Platz für mich hatte und es war schon 1(!) ganzes Jahr  vergangen, seitdem ich festgestellt habe, dass ich Therapiebedarf habe.

Anfangs lief es soweit ganz gut. Ich lernte meine Verteidigungswälle runterzufahren in der Therapie und ließ mich darauf ein, in die Tiefe zu gehen. Oftmals kam ich verheult aus den Stunden, aber das war schon in Ordnung so. Privat wurde es für mich immer anstrengender. Nicht nur der alltägliche Hickhack mit dem Ex, auch der Krankenhausaufenthalt meines Vaters, der größere Organisationsaufwand belasteten mich. Ich pufferte viel für meine Mutter, nebenbei bereitete ich mich auf eine wichtige Bewerbung vor. Ganz nebenbei wurde ich 28 und verheulte fast den ganzen Geburtstag. Ich litt an Schwindelanfällen und Sehstörungen, die Schlafstörungen wurden immer massiver.

Dann kam der Knall – nur nicht bei mir, sondern bei meiner Mutter. Burnout. Die einzige Stütze, die ich zu dem Zeitpunkt noch hatte, brach weg. Mit eisernem Willen zwang ich mich stark zu bleiben.

Nur über das Wochenende! Dann hast du Therapie, dann darfst du loslassen, schwach sein.

Voller Erleichterung ging ich dann zur Therapie. Legte mich auf das Sofa, fuhr meine Abwehrmechanismen runter. Erlaubte mir schwach zu sein.

Ich wollte davon erzählen, wie stark ich aus der Bahn geworfen wurde, da ich jetzt (fast) keine Unterstützung mehr hatte. Wollte davon erzählen, wie ich den Drang mich zu schneiden bekämpft hatte und stattdessen lieber Kippen kaufen gegangen bin. Wollte über die Möglichkeiten sprechen, mir Antidepressivum verschreiben zu lassen.

Doch soweit kam ich nicht.

Ich wurde angegangen von meiner Therapeutin. Warum es denn nie um mich ginge. Warum mir der Haushalt so viel Probleme bereiten könne. Warum ich überhaupt auf meine psychisch labile Mutter gebaut hatte. Warum ich mich nicht schon längst um ein besseres Netz bemüht hätte. Ob meine Tochter überhaupt so eine labile Mutter wie mich verdient hätte.

UND ÜBERHAUPT, WIE HATTE ICH DIESES KIND ÜBERHAUPT KRIEGEN KÖNNEN!!!!

Die meiste Zeit lag ich wie gelähmt auf dem Sofa. Versuchte über Atemkontrolle irgendwie Kontrolle über mich zu bekommen. Ich weinte, schluchzte, zitterte. Ab und an versuchte ich mich zu rechtfertigen, wenn ich vor Zähneklappern und Geheule überhaupt was rausbekam.

Dann war die Stunde zu Ende und ich wurde nach Hause geschickt. Einfach so. Ohne mich zu erden, aufzufangen. Nichts davon.

Falls sich jemand fragt, warum ich nicht gegangen bin: ich konnte nicht. Der Gedanke war mir mehrfach gekommen. Aber wenn man voller Vertrauen jeglichen Schutz herunter fährt und das Vertrauen dann dermaßen missbraucht wird, dann lähmt das. Jedenfalls mich.

Mit Ach und Krach schaffte ich es nach Hause. Ich war noch nicht mal in der Lage den Scheiß-Knopf am Bus zu finden, um die Tür zu öffnen. Mein Umfeld reagierte schnell und gut. Ich wurde aufgefangen und getröstet. Die ersten Notfallpläne aufgestellt. Was mich davor bewahrt hat, mich selbst einzuweisen. Was ich auch nur deswegen nicht tat, weil mir nicht klar war, dass ich meine Tochter sogar hätte mitnehmen können. (Was wohl nicht überall der Fall ist, in Hannover gibt es aber eine entsprechende Einrichtung)

Ende vom Lied? Die Therapie bei der zweiten Therapeutin habe ich beendet. Laut Krankenkasse ergibt sich für mich daraus kein Problem, die genehmigten Reststunden verfallen nicht und ich kann diese auch woanders nehmen. Allerdings fange ich dann wieder von vorne an mit Suchen.

Ein klärendes Gespräch mit der Therapeutin hat es nie gegeben, wird es von meiner Seite auch nicht. Denn egal wie sie es versucht zu rechtfertigen, ihr Verhalten war absolut unprofessionell. Und ich habe auch Angst davor, dass sie mir dann vielleicht wirklich den Rest gibt.

Ich habe darüberhinaus davon abgesehen, in irgendeiner Weise Beschwerde einzulegen gegen sie. Natürlich würde es mich mit Befriedigung erfüllen, zu sehen, dass ihr unprofessionelles Verhalten Konsequenzen für sie hat. Aber das wäre dann wieder viel Kraft, die ich aufwenden müsste. Anhörungen, Stellungnahmen. Gedankenprotokolle. Ich brauche meine Kraft für mich, meine Tochter und unseren Alltag.

Natürlich sind meine psychischen Probleme noch in keinster Weise „geheilt“. Die private Situation ist weiterhin äußerst angespannt. Die Überforderung ist immer nur einen Schritt entfernt. Das Wissen, dass meine Tochter bei mir bleiben kann, selbst wenn ich unseren Alltag in die Psychatrie verlegen muss, gibt mir innere Ruhe. Und selbst wenn nicht, es ist zumindest geregelt, was dann mit ihr geschieht. Sie ist dann auf jeden Fall bei Menschen, die sie lieben, die sich um sie sorgen und sie auffangen. Nicht bei Fremden.

Nach mehreren Krisengesprächen in meinem Umfeld ist die Laufrichtung nun klar: ich gehe in eine Tagesklinik. Ich habe eine super Hausarztpraxis, die mir nicht nur die entsprechenden Über- und Einweisungen schreibt, sondern auch Gespräche anbietet, um die Zeit zu überbrücken. Die mich als Mensch sehen. Nicht nur als Fallzahl. Das Vorgespräch in der Tagesklinik war bereits. Es wird bald losgehen. Vielleicht werde ich darüber berichten.

Da dies alles sehr persönlich ist und ich eh schon sehr verletzlich bin, bitte ich darum, diesen Text NICHT auf Facebook zu teilen. Die Kommentarfunkion lass ich erstmal noch. Mal schauen, was kommt.

Für meine Freundin, die schon vor der Taufe deutlich gemacht hat, dass sie ihren Verpflichtungen als Taufpatin mehr als gerecht werden wird! Danke :-*

More is yet to come,

M.

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3 Gedanken zu „Tagebuchbloggen: Der Therapeuteneklat“

  1. Ich wünsche Dir von Herzen, dass die Tagesklinik der richtige Weg für Dich ist und Du wieder Kräfte sammeln kannst. Kaum etwas ist wichtiger, als gestärkt aus einer Therapie zu gehen ❤

    Darf ich fragen, wie Deine Erfahrungen mit der Familienhebamme waren und wie das so abläuft? Ich suche schon länger jemanden mit Erfahrung, der mir etwas darüber sagen kann…

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